Eine kleine Geschichte der Olive


von Dr. Wolfgang Hautumm (Archäologe)

Poseidon und Athena stritten einst um die Vorherrschaft über das attische Land. Sieger sollte der größere Wohltäter sein. Poseidon rammte seinen Dreizack in den Felsen der Akropolis und es entsprang ihr eine - allerdings salzige - Quelle; und Athena stiftete den ersten Ölbaum. Dafür trug sie den Sieg davon und wurde zur Stadtgöttin Athens. Noch heute wächst an der alten Stelle ein Nachfahre dieses ersten Olivenbaums. Öl diente auch als Siegesprämie bei den Wettspielen zu Ehren der Stadtgöttin. Die Sieger der Olympischen Spiele erhielten einen Kranz aus Olivenzweigen, und das Alte Testament überliefert, daß die Taube von ihrem dritten Erkundungsflug einen Ölzweig zu Noahs Arche zurückbrachte, als Zeichen, daß die Fluten zurückgegangen waren und der Zorn Gottes beendet war. Für die Alten war der Olivenbaum heilig.

Die Olive liefert den Griechen fast alles Fett. Eine Scheibe Weißbrot in frisches Öl mit etwas Salz und Zitrone getunkt ist eine Delikatesse. Viele Speisen "schwimmen" im Olivenöl. Und aus den Resten der Pressung läßt sich noch Seife herstellen, Brenn- und Schmieröl erzeugen; oder sie dienen als Tierfutter. In den Lampen der Kirchen und der Hausikonen wird Olivenöl verbrannt und die antiken Ringkämpfer rieben sich mit Olivenöl ein, damit ihre Gegner sie nicht richtig zu fassen bekämen... Herakles Waffe, seine hölzerne Keule, war aus Olivenholz. Sogar Hades, der Gott der Unterwelt, hatte Respekt vor ihr. Und Odysseus rammte dem Riesen Polyphem einen Olivenholzspieß in sein einziges Kyklopenauge.

Olea europaea L., der Ölbaum, ist überaus bedürfnislos. Der kultivierte Baum wird bis 10 m hoch; die Blätter sind lanzettförmig mit kurzem Stil, unten silbrig-weiß. Die weißlichen Blüten stehen in kleinen Knäueln und werden vom Wind bestäubt. Die eiförmige, fleischige Frucht mit einem Steinkern wird grün (unreif) oder schwarz geerntet. Der Baum liebt kiesige, kalkhaltige Böden und große Abstände zu seinen Kollegen. Kein Baum gleicht dem anderen, sie sind alle "Individualisten”. Dicksträhnig gefasert schraubt sich der vielfach gelöcherte Stamm in knorriger Windung aufwärts, schickt dann seine sperrigen Äste weit in die Runde. Darüber breiten sich die silbergrünen Blätter aus, die die scharf einfallenden Sonnenstrahlen zu matten Schatten aufsplittern. Der Olivenbaum fängt die Sonne nicht ab, sondern filtert sie, weil sich ihr die kleinen Blätter nicht im gleichbleibenden Stand mit der Breitfläche entgegenstellen, sondern ihr jeweils die Schmalseite zuwenden und sich mit dem Sonnenlauf mitdrehen; so bieten sie der Sonne die geringste Angriffsfläche und reduzieren die Verdunstung auf ein Minimum.

Der ausgewachsene Ölbaum kommt im Sommer fast ohne Wasser aus, ja er verlangt die gleichmäßige Hitze; Kälte aber verträgt er nicht, weshalb er über 600 m Höhe nicht mehr vorkommt. Eines aber braucht er: Zeit. Denn erst nach dem siebten Jahr trägt er langsam Frucht, mit dem zehnten wird er rentabel, um vom vierzigsten bis zum hundertsten Lebensjahr seine volle Fruchtbarkeit zu entfalten; dann bringt er es auf 70 bis 75 Kilogramm Frucht, bis zu einem Ölgehalt der Olive von 40 Prozent. Doch wird er sehr viel älter - sechs bis sieben Jahrhunderte, ja die Legende gibt ihm sogar zwei Jahrtausende. Der Bauer pflanzt ihn nicht für sich selber, er pflanzt ihn für seine Kinder und Enkel. Ob es der Ölbaum ist, der viele griechische Bauern so konservativ macht? Der französische Dichter René Char war dem Geheimnis seiner Frucht auf der Spur, als er schrieb: "Wie der Arme, so weiß auch der Dichter die Ewigkeit einer Olive auszukosten."

Dr. Wolfgang Hautumm (Archäologe)


zurück zur homepage