Geht's nicht etwas billiger?

Übrigens...

Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. - Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

JOHN RUSKIN
englischer Sozialreformer (1819 - 1900)

 

Wieso ist Olivenöl so teuer? Wieso ist es im Discounter so preiswert (billig)?

Wie Sie vielleicht wissen, ist die Olivenpflege und vor allem die -ernte sehr arbeitsintensiv. Hier einmal eine Beispielkalkulation, wie sie in "Der Feinschmecker" (Heft 5/04) aufgemacht wurde:

Es beginnt mit der Pflege der Bäume, wozu der Frühjahrsschnitt und die Abwehr von Krankheiten und Schädlingen gehören. Im konventionellen Anbau heißt dies allerdings Spritzen, was in "Der Feinschmecker" einfach so unter "dreimalige Behandlung zur Abwehr von Krankheiten und Schädlingen" erwähnt wird. Die Lockerung des Bodens, die Beschränkung von Wildwuchs unter den Bäumen, all dies ist arbeitsintensiv. Kostenintensiv ist auch das Düngen und Wässern, so man es tut (!), da streiten sich die Gelehrten. In jedem Falle benötigt man aber Transportmittel, Leitern, Netze, Tücher und einiges mehr. Bei einem Bestand von 1000 Bäumen kommen da leicht 60,- €/100 kg Oliven zusammen. Ohne Dünger und Wässerung kommt trotzdem etwa das Gleiche heraus, da während der Vegetationszeit häufiger auf dem Feld nach dem rechten gesehen werden muss, z.B. Fallen gegen die gefürchtete Ölfliege aufgehängt werden müssen usw.

Für einen Arbeiter werden pro 6,5 Stunden Arbeit 40 € + 17 € Sozialabgaben fällig. In dieser Zeit schafft er eine Ernte zwischen 150 und 250 kg Oliven (je nachdem, ob in der Ebene oder am Hang usw. und ob durch Handarbeit oder Rüttelmaschine). Schafft der Arbeiter im Schnitt 200 kg, schlagen also 100 kg allein mit 28,50 €  Erntekosten zu Buche. Rechnet man 4,- €/100 kg Transportkosten vom Feld zur Mühle hinzu, sind wir bei 32,50 € Arbeitskosten/100 kg. Die Ölmühle verlangt im Schnitt 10 €/100 kg, macht 42,50 € + Pflege des Hains von 60 €, dann sind wir bei 102,50 €/100 kg Oliven.

Je nach Olivensorte ergeben 100 kg Oliven 16 bis 25 kg Olivenöl. Ein kg Öl kostet dann ungefähr 5 €. Abzüglich von 1,30 €/kg Öl Subventionen durch die EU, bleibt ein Gestehungspreis von 3,70 €/kg, was etwa einem Literpreis von 3,30 € entspricht.

Jetzt muss noch abgefüllt werden, wozu es geeignete Gerätschaften braucht, Kanister, Flaschen und alles drum und dran (auch Etiketten kosten Geld!). Dann fehlen noch Fracht- und Versicherungskosten, Kosten des Zwischenhandels, so dass wir sehr schnell bei einem Halbliterpreis irgendwo zwischen 8 und 12 € angelangt sind.

Bezieht man sein Öl nicht direkt vom Hersteller, sondern im Handel (der ja noch weitere Kosten hat, der Feinkostladen in Ihrer Nähe hat z.T. erhebliche Miet- und Personalkosten), dann kann man Halbliterpreise unter 8 € im Handel durchaus als unseriös bezeichnen ("Der Feinschmecker"). Aber Vorsicht: Der hohe Preis allein macht's auch nicht!

Wieso ist es dann aber im Discounter so preiswert?

Bestenfalls - für den Endabnehmer -, ist der Bauer um seinen Arbeitslohn betrogen worden. Stellen Sie sich einen kleinen Ölbauern vor, rundum bauen alle anderen auch Oliven an. Von Vermarktung versteht er nicht viel und dann kommt einer und schwatzt ihm sein Öl ab. Gibt er es zu einem schlechten Preis weg, dann ist er es immerhin los, denn ob er es über's Jahr überhaupt verkaufen kann, weiß er nicht.

Wurde der Bauer nicht betrogen, dann vielleicht der Käufer? 80 Prozent des in Deutschland vertriebenen Olivenöls stammt von Großkonzernen. Auf dem Etikett sind Fantasienamen, Produzenten bleiben unerwähnt - wer will schon seinen Namen für dieses Produkt verpfänden? Angaben darüber, wo die Olivenhaine liegen, von einer exakten Lagebeschreibung sowieso keine Spur, fehlen ebenso, wie Angaben zum Erntezeitpunkt. 

Am besten, man spart schon bei der Ernte, die 80 % der Herstellungskosten ausmacht. Man verzichtet auf Handlese oder Rüttelmaschinen und wartet einfach, bis die Oliven von alleine vom Baum fallen. Dieses Fallobst wird dann zusammengekehrt, liegt lange im Freien, wird gut vom herbstlich-winterlichen Regen gewässert und gärt und fault so vor sich hin. Diese breiige und teils übel riechende Masse kommt dann in die Ölmühle, aus der ein Öl mit einem Ölsäuregehalt von gerne schon mal 40% (bei nativem Olivenöl extra sind gerade mal 0,8 max. erlaubt). Zum Ausgleich erhitzt man das Öl kräftig. Die so entstehende Braunfärbung wird durch Zugabe von Bleicherde wieder "korrigiert". Unter Zusetzung von rund 15 % Haselnussöl (Abfallprodukt aus der Schokoladenproduktion) wird das Öl häufig gestreckt (die Molekularstrukturen sind verwandt, das fällt dann im Labor nicht so auf). Für optische Auffrischung sorgt etwas Chlorophyll - grün suggeriert Frische - und ein wenig echtes Olivenöl soll für den nötigen Geschmack sorgen, was nicht immer so recht gelingen will, da könnten Flavouriseure und Fooddesigner noch etwas nachhelfen. Geschmacksnoten wie ranzig, stichig, muffig, weinig-sauer, schlammig oder metallisch sind hier gerne vertreten. 
Daher sind Verbraucher bei Degustationen von wirklichem Olivenöl immer so erstaunt, wie Olivenöl schmecken kann - wir würden sagen: schmecken muss.

Wieviel Schwindel dabei ist, deckte DER FEINSCHMECKER auf.

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